FACHTAGUNG AM 16.06.2026 an der Hochschule in Berlin für Sozialwesen "Trauma-informierte Praxis im interdisziplinären Kontext"
- 11. Juni
- 2 Min. Lesezeit

Im Rahmen der Fachtagung „Trauma-informierte Praxis im interdisziplinären Kontext“ an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin durfte ich einen Vortrag zum Thema „Restorative Justice und Trauma im Strafvollzug“ halten. Die von Prof. Dr. Selin Arikoglu organisierte Veranstaltung brachte Fachkräfte aus Wissenschaft, Justiz, Therapie, Sozialer Arbeit und Praxis zusammen und schuf einen intensiven Raum für interdisziplinären Austausch über die Bedeutung von Trauma im Kontext strafrechtlicher Systeme.
Besonders hervorzuheben war die gelungene Verbindung von wissenschaftlicher Reflexion und praktischer Erfahrung, die diese Fachtagung prägte. Prof. Dr. Selin Arikoglu versteht es in besonderer Weise, unterschiedliche Perspektiven zusammenzuführen und schuf einen Rahmen zu schaffen, in dem komplexe Zusammenhänge zwischen Trauma, Strafvollzug und professionellem Handeln differenziert betrachtet werden konnten.
Im Zentrum meines Beitrags stand die Ausgangsannahme, dass Trauma im Strafvollzug nicht als Ausnahmephänomen, sondern als strukturell relevante Realität zu verstehen ist. Viele Inhaftierte verfügen über eigene Gewalt-, Vernachlässigungs- oder Verlustbiografien. Gleichzeitig sind auch Betroffene von Straftaten häufig langfristig mit den psychischen und sozialen Folgen von Gewalt konfrontiert. Im klassischen strafrechtlichen Verfahren bleiben diese Erfahrungen jedoch häufig randständig. Der Fokus liegt primär auf der Tat und der rechtlichen Bewertung, weniger auf den biografischen und emotionalen Kontexten der Beteiligten. Genau hier wurde die Notwendigkeit deutlich auch traumabezogene Perspektiven stärker in die Analyse und Gestaltung strafrechtlicher Praxis einzubeziehen.
Ein weiterer zentraler Schwerpunkt meines Vortrags lag auf der Frage, wie ein traumasensibler Blick auf Verhalten gestaltet werden kann, ohne Verantwortung zu relativieren. Trauma wurde dabei nicht als Erklärung im Sinne einer Entschuldigung verstanden, sondern als Kontext, der Verstehen ermöglicht und damit die Grundlage für echte Verantwortungsübernahme stärken kann. Restorative Justice bietet hierfür einen theoretischen und praktischen Rahmen. Der Ansatz verschiebt den Fokus weg von reiner Sanktionierung hin zu einer Auseinandersetzung mit den Folgen von Gewalt, den Bedürfnissen der Betroffenen sowie den Möglichkeiten zur Wiedergutmachung und Verantwortungsübernahme. Schuld wird dabei nicht aufgehoben, sondern bearbeitbar gemacht.
Im Vortrag sind wir der Frage nachgegangen, wie Restorative Justice und traumabezogene Perspektiven im Kontext des Strafvollzugs miteinander in Beziehung gesetzt werden können. Mein Ziel/Herausforderung war es, inhaltlich eine Brücke zu bauen zwischen theoretischen Grundlagen der Restorative Justice und den realen Herausforderungen im professionellen Alltag von Justiz, Bewährungshilfe und angrenzenden Praxisfeldern.
Diese Brücke wurde von den Teilnehmenden sichtbar aufgenommen und in der anschließenden Diskussion weitergeführt. Der Austausch zeigte ein hohes Maß an Interesse daran, wie sich restorative und traumasensible Ansätze in bestehende Strukturen integrieren lassen, ohne deren rechtliche und institutionelle Rahmenbedingungen auszublenden.
Die Fachtagung machte deutlich, dass Trauma, Verantwortung und Restorative Justice eng miteinander verschränkt sind und nicht isoliert betrachtet werden können.
Ein traumasensibler restorative Ansatz eröffnet Perspektiven, um Betroffene stärker sichtbar zu machen, Verantwortung differenziert zu ermöglichen und Dialog als Bestandteil professionellen Handelns zu denken. Besonders in Erinnerung bleibt mir die Offenheit der Teilnehmenden für neue Perspektiven sowie die intensive fachliche Auseinandersetzung über Disziplin- und Institutionsgrenzen hinweg. Die Fachtagung zeigte mir (wieder einmal) eindrücklich, wie wertvoll Räume sind, in denen wissenschaftliche Perspektiven und praktische Erfahrungen aufeinander treffen und gemeinsam weitergedacht werden können.










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