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Weiterbildung „Einführung in die Restorative Circles (Wiederherstellungskreise)“ mit Dominic Barter

Dominic Barter leitete ein Weiterbildungswochenende in Hamburg über Restorative Circles, ein Modell für dialogische soziale Systeme- und ich durfte dabei sein!


In seiner über 28-jährigen Erfahrung entwickelte Dominic empathische soziale Techniken, die auf indigener Weisheit beruhen und Selbstbestimmung sowie Zusammenarbeit in Gruppen/Gemeinschaften fördern. Restorative Circles wurden in den 1990er Jahren in den von Banden kontrollierten Favelas von Rio de Janeiro entwickelt, um Konflikte auf dynamische Weise anzugehen. Dieser Gemeinschaftsprozess unterstützt Menschen in Konflikten, indem gemeinschaftliche oder organisatorische Vereinbarungen getroffen werden, die auf gemeinsame Bedürfnisse eingehen, den sozialen Zusammenhalt stärken und Spaltungen "heilen". Im Gegensatz zu traditionellen Rechtssystemen (die auf den punitiven Ansatz beruhen) basiert Restorative Justice auf Dialog und Einigung. Restorative Circles sind darauf ausgerichtet schmerzhafte Konflikte auf transformative Weise zu bewältigen. Die Absicht in diesem Vorgehen ist es materiellen und immateriellen Schaden zu "reparieren", Beziehungen wiederherzustellen und die Sicherheit, Integration und das Wohlbefinden der Gemeinschaft zu stärken. Der Ansatz kann auf verschiedenen Ebenen angewendet werden, von zwischenstaatlichen und interinstitutionellen Konflikten bis hin zu familiären Auseinandersetzungen. Dominic Barter präsentierte uns als Teilnehmende Schlüsselelemente restaurativer Systeme und fokussierte auf deren Entwicklung seit den Anfängen in den Favelas. Das Wochenende ermöglichte uns die Erkundung und Übung der Implementierung von Restorative Circles in verschiedenen Konfliktsituationen auf schrittweise Art.


Diese dreitägige Fortbildung mit Dominic Barter war für mich eine einzigartige und in gewisser Hinsicht auch eine transformative Erfahrung. Dominic, der die Gruppe von etwa 55 Teilnehmenden ruhig und wohlwollend begleitete, setzte auf einen unkonventionellen Ansatz, indem er wenig an Struktur vorgab und stattdessen die Gruppe ihren eigenen Prozess gestalten ließ. Wir erarbeiteten in Kleingruppen (ein auf einem gemeinsamen Themennenner gebildeter Zirkel), was uns dabei hilfreich im miteinander erschien: u.a.:

und was uns eher nicht förderlich für das miteinander erschien: u.a.:


Diese Methode, die ich an dieser Stelle als "Prozess im Prozess" beschreiben möchte, ermöglichte uns sehr (inter-) aktiv am Thema der restaurativen Zirkel zu "wachsen".


Dominic Barter führte uns an den drei Tagen durch fünf verschiedene Lernorte, die weit über ein traditionelles "Klassenzimmer" hinausgingen.


Der erste Lernraum im "Klassenzimmer" symbolisierte die Entwicklung von Bewusstheit für ungleiche Machtverhältnisse und lud uns ein die Kunst der Unterbrechung dominanter Narrative zu erlernen. Die Teilnehmenden wurden dazu ermutigt, sich selbst Menschen im Leben für diese und andere Lernprozess auszuwählen, was eine persönliche Verantwortung für das Lernen fördert.


Der zweite Lernraum konzentrierte sich darauf, Kinder zu inkludieren und nicht auszuschließen. Dominic betonte die heutzutage häufig vergessene Notwendigkeit, Kinder in den Lernprozess einzubeziehen, anstatt sie weg zu organisieren. Berichte über positive Erfahrungen von Kindern, die bereits an ähnlichen Veranstaltungen teilgenommen hatten, verdeutlichten die Freude am gemeinsamen Lernen. Leider hatten wir nur ein Baby dabei welches sich mit coolen Beiträgen beteiligte...


Ein weiterer faszinierender Lernort war das Essen als dritter Raum. Alle Teilnehmenden waren eingeladen das zu essen zu geben, was sie konnten und wollten. Hier stand die Idee im Vordergrund, gemeinsam zu essen und Ressourcen zu teilen. Dominic ermutigte dazu, Gemeinschaft durch Mahlzeiten zu schaffen, anstatt Menschen nach finanziellen Möglichkeiten (die einen gehen essen, andere nicht) zu trennen. Dies unterstrich die soziale Dimension und betonte Solidarität und Zusammenhalt. Das Buffet lief über vor Köstlichkeiten und für alle Bedarfe war ausreichend vorhanden.




Der vierte Lernort bezog sich auf Geld. Bezüglich der Kosten für die Fortbildung legte Dominic einen sehr transparenten und gemeinschaftlichen Ansatz an den Tag. Seine Arbeit sei an sich kostenfrei. Um die notwendigen Ausgaben wie Raummiete, Dolmetscherinkosten, Reisekosten usw. zu decken, wurden drei Geldkörbe in der Mitte des Raumes eingerichtet. Die Teilnehmenden hatten die Freiheit, nach ihren Möglichkeiten bares Geld in einem Korb beizusteuern oder zu entnehmen und in den anderen Körbchen bares oder eine Summe auf Papier zu schreiben, die überwiesen werden wird. Dieses Vorgehen verringerte die finanzielle Barriere für eine Teilnahme für viele Menschen und machte eine Teilnahme erst ermöglichte. Am Ende des Workshops wurde uns gesagt, welchen Ausgaben es gab (beziehungsweise das wurde uns während der Fortbildung schon immer gesagt, wie hoch die Kosten aktuell seien) und am Ende des Wochenendes, als das Geld gezählt wurde, erhielten wir die Information wie viel Geld in wieviel Umschlägen zusammengekommen war. Und die Differenz zwischen dem höchsten Beitrag und dem kleinsten Beitrag wurde uns mitgeteilt. Nach dem Wochenende gab es einen restaurativen Zirkel mit allen Beteiligten, die Lust und Zeit hatten gemeinsam über die Verteilung des Geldes zu entscheiden. Leider konnte ich nicht dabei sein. Ich war sehr beeindruckt von diesem klaren und transparenten Umgang mit dem Thema Geld. Dominic sagte etwas Schönes: es ist die Bedeutsamkeit, die uns nähert, nicht das Geld. Leider wird es in unserer Kultur oft gleichgesetzt: der Wert einer Arbeit/einer Person und das Geld. Und dann entsteht Scham, Schuld, Neid und ein Verstecken. Ich persönlich kenne nicht viele Menschen, die offen über ihr oder das Geld sprechen.




Für den fünften Lernort sprach Dominic von einer "geheimen Mission" sich während des Wochenendes Unterstützungssysteme aufzubauen. Die Teilnehmenden wurden ermutigt, mindestens drei Personen zu identifizieren, die zu ihrem persönlichen Unterstützungssystem werden könnten. Dieser Fokus auf sozialen Zusammenhalt und Unterstützung zeigte mir sehr deutlich, dass die Fortbildung nicht nur Wissensvermittlung, sondern auch Gemeinschaftsaufbau beinhaltete.


Dominic stellte außerdem die Unterschiede zwischen akademischem und handwerklichem Lernen heraus. Während die Gesellschaft oft akademisches Lernen hoch wertet, betonte er explizit die Wertigkeit des praktischen "Handwerkslernens". Dieser Fokus verdeutlichte, dass es nicht nur darum geht, Wissen zu erwerben, sondern es in die Praxis umzusetzen und aus der Praxis zu lernen. Und sehr wichtige Fragen wie diese drei untenstehenden Fragen dienten exakt dieser Praxiserprobung und des Trainings von restaurativen Zirkeln in unseren Übungsgruppen und es sind nicht Fragen, die so 1:1 gelehrt werden können oder direkt benutzt werden dürfen!

Dominic berichtete, dass er sehr schmerzhafte Erfahrungen gemacht habe. Seine Arbeit sei regelrecht verkauft worden von ehemaligen wenig erfahrenen Teilnehmenden, er hingegen fordert kein Honorar und seine Arbeit basiert auf Gemeinschaft und Partizipation.


Insgesamt war die Fortbildung eine ganzheitliche Erfahrung für mich, die über herkömmliche Lernansätze hinausging. Ich hatte die Möglichkeit, nicht nur Wissen zu erwerben, sondern auch persönliche Verantwortung zu übernehmen, Gemeinschaft zu erleben und praktische Fähigkeiten zu entwickeln. Das war äußerst bereichernd, erschöpfend (wie man auf dem Foto von mir und Dominic sehen kann) und macht mir Lust auf mehr. Für meine Restorative Justice Projektarbeit im Strafvollzug habe ich noch tiefer verinnerlicht viel, viel, viel Vertrauen in den Gruppenprozess zu geben. Die Teams in den Justizvollzugsanstalten noch mehr zu ermutigen den Teilnehmenden im restaurativen Kreisdialog auf Grundlage meines Konzepts "Betroffenenorientiertes Arbeiten im Strafvollzug (BoAS)" Raum zu geben, um in Ruhe ihre Bedürfnisse und Gefühle und Gedanken zu formulieren.





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