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Drei Tage Realutopie, was bleibt, wenn wir uns aufeinander einlassen?

5. Sept.
5 Min. Lesezeit
Foto: Privat
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Drei Tage Utopie-Konferenz an der Leuphana Universität Lüneburg liegen hinter mir und 1000 weiteren Menschen. Drei Tage voller Begegnungen, Gedanken, Irritationen, Fragen, Resonanz und vor allem: Großzügigkeit. „Großzügigkeit, eine Utopie?“ so lautete die große Frage der diesjährigen Konferenz. Die Menschen kamen zusammen, um darüber nachzudenken, wie eine Gesellschaft aussehen könnte, die auch in Zeiten von Verlust, Verhärtung und Vergeltung nicht aufhört, Möglichkeiten zu eröffnen.


Foto: Privat
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Ich durfte als Realutopistin eine Werkstatt zu Restorative Justice gestalten. Und vielleicht war genau das für mich das Schönste an diesen drei Tagen: Wir mussten keine Utopie erfinden. Wir durften uns mit einer beschäftigen, die bereits existiert und die trotzdem noch längst nicht überall Realität ist. Restorative Justice stellt Fragen, die unser gewohntes Verständnis von Gerechtigkeit und Strafe herausfordern: Was ist passiert? Wer ist davon betroffen? Wer trägt Verantwortung? Was brauchen die Betroffenen? Und was braucht es, damit nach einer schweren Verletzung irgendwann wieder Zukunft möglich wird? Dabei geht es nicht darum, Schuld aufzulösen oder Verbrechen kleinzureden. Im Gegenteil: Die Tat und ihre Folgen müssen ernst genommen werden. Aber vielleicht liegt gerade darin eine gesellschaftliche Herausforderung: Können wir einen Menschen für das verantwortlich machen, was er:sie getan hat, ohne ihn:sie auf seine:ihre Tat zu reduzieren?

Foto: Privat
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Eine Frage hat mich dabei besonders beschäftigt und ich habe sie als "Rätsel" mit in die Werkstatt gegeben: Gibt es eine Grenze für Restorative Justice?

Ist das Verbrechen als solches eine gesellschaftliche Grenze? Gibt es Taten, bei denen wir sagen müssen: Bis hierhin und nicht weiter? Oder beginnt gerade dort die eigentliche Herausforderung? Können wir auch angesichts schwerster Verbrechen an der Möglichkeit von Verantwortung, Veränderung und Wiedergutmachung festhalten ohne das Leid der Betroffenen auch nur im Ansatz zu relativieren? Wer oder was bestimmt diese Grenze?

Das Gesetz? Die Gesellschaft? Die Betroffenen? Oder dürfen wir diese Frage immer wieder neu miteinander aushandeln?


Für mich ist das keine theoretische Frage. Sie begleitet meine Arbeit im Strafvollzug, wenn ich dort anhand meines Konzeptes "Betroffenenorientiertes Arbeiten im Strafvollzug (BoAS)" Restorative Justice Kreisdialoge begleite. Eine Justizvollzugsanstalt ist eine eigene Welt: Eine Welt mit klaren Regeln, festen Abläufen und einem starken Fokus auf Sicherheit. Gleichzeitig ist sie aber auch eine Welt, in der gearbeitet, gelernt, gelacht und an einem Leben nach der Haft gearbeitet wird. Wer von außen auf den Strafvollzug schaut, sieht häufig zuerst die Mauern, die Türen, die Kontrolle und die Straftaten. Wer genauer hinsieht, entdeckt eine viel komplexere Realität. Menschen verbringen einen Teil ihres Lebens dort. Sie arbeiten in Werkstätten, lernen, machen Ausbildungen, nehmen an therapeutischen Angeboten teil, führen Gespräche, pflegen Beziehungen nach außen und versuchen, manchmal mit großen Schwierigkeiten, einen Weg in ein Leben ohne weitere Straftaten zu finden. Auch der Umgang zwischen Bediensteten und Inhaftierten besteht nicht ausschließlich aus Kontrolle und Distanz. Professionelle Grenzen und Sicherheit sind unverzichtbar. Gleichzeitig gibt es Respekt, Gespräche, Humor und ganz alltägliche menschliche Begegnungen. Menschlichkeit endet nicht an der Gefängnismauer.

Und vielleicht ist genau das ein wichtiger Ausgangspunkt für Restorative Justice.

Denn wenn wir davon ausgehen, dass Menschen sich verändern können, dann müssen wir auch Räume schaffen, in denen Veränderung überhaupt denkbar und erfahrbar wird.

In unsere dreitägigen Werkstatt wurde nicht einfach über Restorative Justice gesprochen. Wir haben sie ausprobiert. Wir haben erlebt, was passiert, wenn Menschen einander wirklich zuhören. Wenn nicht sofort argumentiert, bewertet oder geantwortet werden muss. Wenn unterschiedliche Erfahrungen nebeneinander stehen dürfen. Wenn eine Frage nicht möglichst schnell eine Antwort braucht. Und ich habe wieder einmal gemerkt, wie viel Kraft in einem Kreis steckt. Ein Kreis verändert die Positionen, niemand sitzt automatisch „vorne“ und niemand ist nur Zuschauer:in. Menschen sind beteiligt. Vielleicht ist das eine der einfachsten und zugleich radikalsten Ideen von Restorative Justice: Wir setzen uns zusammen und wir nehmen einander ernst.


Eine solche Werkstatt kann nur gelingen, wenn Menschen sie gemeinsam tragen.

Ich bin deshalb besonders dankbar für Liane, die mich als Werkstattbegleitung so unterstützend durch diese drei Tage begleitet hat. Ihre Präsenz, ihre Aufmerksamkeit und ihre Unterstützung haben mir einen wichtigen Raum gegeben, in dem ich mich ganz auf die Inhalte und die Menschen konzentrieren konnte. Und dann war da Jelena, unsere großartige Resonanzkünstlerin. Sie hat das Gespräch in der Arena fachlich hervorragend gesteuert und immer wieder dafür gesorgt, dass aus einzelnen Gedanken ein gemeinsamer Denkraum wurde. Sven, der die Utopiekonferenz hoch professionell organisiert hat mit einem riesigen Team an Unterstützer:innen (Sarah und Marie: Ihr Engel!). Und natürlich die wunderbaren Menschen, die sich auf unsere Werkstatt (auch im Wald- yeah!) eingelassen haben. Menschen, die nicht nur zugehört haben, sondern mitgedacht, nachgefragt, widersprochen, weitergedacht und schließlich selbst mit auf die Bühne in der Arena gekommen sind. Das war für mich einer der schönsten Momente dieser Konferenz. Denn eine Realutopie bedeutet für mich nicht, dass eine einzelne Person eine fertige Zukunftsidee präsentiert. Realutopie entsteht aus meiner Sicht dort, wo Menschen anfangen, gemeinsam etwas für möglich zu halten, das heute noch nicht selbstverständlich ist. Und das ist dort über drei Tage geschehen.


Foto: Privat
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Die Konferenz hat mich auch noch einmal anders auf den Begriff der Großzügigkeit schauen lassen. Großzügigkeit ist ja nicht einfach Freundlichkeit. Sie kann bedeuten, einem anderen Menschen Raum zu geben. Zuzuhören, obwohl wir schon eine Meinung haben. Eine Perspektive auszuhalten, die uns irritiert. Nicht sofort "zurückzuschlagen", sondern jemandem und vor allem sich selbst zuzutrauen, dass Veränderung möglich ist.

Und vielleicht sogar dort nicht mit Vergeltung zu antworten, wo Vergeltung und Strafe gesellschaftlich erwartet wird. Die Leuphana beschreibt auf ihrer website Großzügigkeit als ein Entgegenkommen, das die Logik von Vergeltung und reinem Tausch überschreitet und einen Vorschuss auf die Möglichkeit des Besseren geben kann. Gleichzeitig bleibt die Frage, wann Großzügigkeit in Bevormundung kippt oder sich von Gerechtigkeit entfernt.

Genau diese Spannung kenne ich auch aus meiner Arbeit. Restorative Justice darf nicht großzügig auf Kosten der Betroffenen sein. Sie darf nicht bedeuten, dass Täter:innen von Verantwortung entlastet werden. Sie darf nicht bedeuten, dass wir Verbrechen relativieren.

Aber sie kann bedeuten, dass wir die Möglichkeit von Verantwortung größer denken.


Ich nehme vor allem Dankbarkeit von der Utopie-Konferenz mit. Für drei Tage, in denen ich denken, lauschen und erzählen durfte. Für Menschen, die sich auf Begegnung eingelassen haben. Für die vielen Fragen, auf die wir keine einfachen Antworten gefunden haben. Für die RJ-Circles. Für Liane. Für Sven. Für Jelena. Für die Menschen, die mit uns auf die Bühne gegangen sind. Und für das Gefühl, dass Utopie vielleicht genau dann beginnt, wenn wir aufhören, sie als fertigen Entwurf einer besseren Welt zu verstehen.


Die Utopie-Konferenz hat gefragt: Wie sähe eine großzügige Gesellschaft aus? 

Ich nehme aus diesen drei Tagen eine weitere Frage mit: Wie großzügig kann eine Gesellschaft gegenüber der Möglichkeit von Veränderung sein ohne die Verantwortung für das Geschehene aus der Hand zu geben? Und was brauchen Menschen dafür? Ich weiß darauf noch keine endgültige Antwort, aber ich weiß inzwischen ein bisschen mehr darüber, mit wem und wie ich diese Frage weiterdenken möchte!!!!



 
 
 

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