Restorative Circles und Restorative Justice- Kreisdialoge im Strafvollzug: Was uns die Arbeit im Kreis ermöglicht.

Wie können Menschen miteinander ins Gespräch kommen, wenn Verletzungen, Schuld, Wut, Scham oder gegenseitige Vorwürfe eine Verständigung nahezu unmöglich erscheinen lassen? Und was braucht es, damit Menschen einander tatsächlich zuhören können, auch wenn sie das Handeln des Gegenübers entschieden ablehnen? Mit diesen Fragen beschäftige ich mich seit vielen Jahren in meiner beruflichen Praxis, besonders in meiner Arbeit mit Tatbetroffenen, inhaftierten Menschen und Personen aus der Zivilgesellschaft im Rahmen von Restorative Justice-Kreisdialogen auf Grundlage meines Rahmenkonzeptes „Betroffenenorientiertes Arbeiten im Strafvollzug“ (BoAS).
Der Dokumentarfilm „Restorative Circles“ von Heidrun Fiedler gibt einen anschaulichen Einblick in eine Form der Konfliktbearbeitung, die mich persönlich und fachlich sehr anspricht. Im Film kommen unter anderem Heidrun Fiedler und Dominic Barter zu Wort. Dominic Barter hat den Ansatz der Restorative Circles seit den 1990er-Jahren in Brasilien entwickelt. Heidrun Fiedler gehört zu den Menschen, die diese Form der Kreisarbeit in Deutschland bekannt gemacht haben. Ich hatte das Glück, sowohl bei Heidrun Fiedler als auch bei Dominic Barter Fortbildungen besuchen zu können. Mit beiden stehe ich in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen im persönlichen Austausch. Ihre Arbeit, ihre Erfahrungen und ihre Haltung sind für mich große Inspirationsquellen. Besonders interessiert mich die Verbindung zwischen einer klaren Struktur und dem Vertrauen darauf, dass die beteiligten Menschen selbst Wege im Umgang mit Konflikten und deren Folgen finden können.
Restorative Circles sind ein dialogisches Verfahren, bei dem Menschen zusammenkommen, die direkt oder indirekt von einem Konflikt betroffen sind. Das können Familienmitglieder, Menschen aus einer Nachbarschaft, Schulklassen, Arbeitsgruppen oder andere Gemeinschaften sein. Ausgangspunkt ist eine konkrete Handlung, die Verletzungen oder Konflikte ausgelöst hat. Dabei wird auch das soziale Umfeld berücksichtigt, in dem der Konflikt entstanden ist. Das Verfahren folgt drei aufeinander bezogenen Prozessabschnitten. Im Vorkreis, dem sogenannten Pre-Circle, finden vorbereitende Gespräche mit den Beteiligten statt. Hier geht es darum, zu verstehen, was geschehen ist, welche Bedeutung das Ereignis für die einzelnen Menschen hat und was sie sich von einem gemeinsamen Gespräch erhoffen. Ebenso wird geklärt, wer betroffen ist und wer am Kreis teilnehmen sollte. Die Beteiligten erfahren, wie das Verfahren abläuft, und entscheiden selbst über ihre Teilnahme. Bereits diese Gespräche können Veränderungen anstoßen, weil Menschen Gelegenheit bekommen, ihre eigene Wahrnehmung auszusprechen. Im anschließenden Hauptkreis, dem Main Circle, kommen die Beteiligten zusammen. Der Dialog gliedert sich wiederum in drei Phasen. Zunächst geht es um gegenseitiges Verstehen. Die Menschen sprechen darüber, wie sie das Geschehene erlebt haben und welche Auswirkungen es auf sie hatte. Die Kreisbegleitung unterstützt sie dabei, sich unmittelbar aneinander zu wenden und zu überprüfen, ob das Gesagte tatsächlich so verstanden wurde, wie es gemeint war. Dieser sogenannte Pendeldialog ist ein charakteristisches Element der Restorative Circles. Er kann vertraute Muster aus Vorwürfen, Rechtfertigungen und gegenseitigen Zuschreibungen unterbrechen. In der zweiten Phase werden die Beweggründe und Absichten hinter den jeweiligen Handlungen betrachtet. Die Beteiligten können erläutern, was sie mit ihrem Verhalten erreichen wollten und welche Bedürfnisse oder Überzeugungen damit verbunden waren. Das bedeutet keineswegs, dass verletzendes oder gewalttätiges Verhalten gerechtfertigt wird. Es ermöglicht jedoch, Zusammenhänge zu verstehen und sich bewusster mit der eigenen Verantwortung auseinanderzusetzen. In der dritten Phase richtet sich der Blick auf die Zukunft. Die Beteiligten entwickeln gemeinsam konkrete Handlungsschritte und Vereinbarungen, die den entstandenen Schaden berücksichtigen und Veränderungen ermöglichen sollen. Im Nachkreis, dem Post-Circle, kommen sie nach einer vereinbarten Zeit erneut zusammen. Sie betrachten, was sich verändert hat, ob Vereinbarungen umgesetzt wurden und was möglicherweise noch offen ist. Die Haltung, mit der Menschen in diesen Prozess eingeladen und begleitet werden von den Facilitators, finde ich besonders bemerkenswert. Die Kreisbegleitung nimmt keine richterliche Position ein, entscheidet nicht darüber, wer recht hat, und gibt keine Lösung vor. Sie unterstützt die Beteiligten darin, einander zu verstehen und selbst Verantwortung für die weiteren Schritte zu übernehmen. Dabei ist das Zuhören, finde ich, anspruchsvoller, als es zunächst erscheinen mag. Es verlangt, eigene Bewertungen wahrzunehmen und zurückzustellen, ohne die fachliche Orientierung oder die Grenzen des Zumutbaren aufzugeben. Für mich gehört dazu, besonders aufmerksam für Machtverhältnisse zu bleiben. Menschen begegnen sich nicht automatisch auf Augenhöhe, nur weil sie in einem Kreis sitzen. Unterschiedliche Erfahrungen, Abhängigkeiten, Verletzungen und Handlungsmöglichkeiten bleiben bestehen. Die Kreisbegleitung trägt deshalb eine besondere Verantwortung für die Gestaltung des Prozesses und dafür, dass Menschen ihre Grenzen benennen können und diese respektiert werden.
Mich beschäftigt dabei immer wieder die Frage, wie Sicherheit entstehen kann, wenn Menschen einander begegnen, die sehr unterschiedliche Erfahrungen mit Gewalt, Verantwortung und Ohnmacht gemacht haben und sich unter Umständen in einer Machtasymetrie befinden.
In meinem Handlungskonzept „Betroffenenorientiertes Arbeiten im Strafvollzug“ (BoAS) finden sich wesentliche Grundgedanken wieder, die auch die Arbeit von Dominic Barter prägen. Dazu gehören Freiwilligkeit, eine respektvolle und allparteiliche Haltung sowie die Anerkennung unterschiedlicher Perspektiven. Seit vielen Jahren begleite ich Restorative Justice-Kreisdialoge in Justizvollzugsanstalten. Ich erlebe, wie sich Gespräche verändern können, wenn Menschen einander unmittelbar gegenübersitzen und Gelegenheit bekommen, Fragen zu stellen, die sie möglicherweise schon lange beschäftigen. Tatbetroffene berichten beispielsweise darüber, welche Folgen eine Straftat für ihr Leben hatte, welche Ängste geblieben sind oder welche Veränderungen sie seitdem bewältigen mussten. Inhaftierte Menschen setzen sich mit ihren Straftaten und deren Auswirkungen auseinander. Menschen aus der Zivilgesellschaft können gesellschaftliche Erwartungen und Vorstellungen von Gerechtigkeit zur Sprache bringen und sich mit den Erfahrungen der anderen auseinandersetzen. Dabei entstehen mitunter Gespräche, die im üblichen Alltag des Strafvollzugs kaum möglich wären.
Trotz vieler Gemeinsamkeiten gibt es einen wesentlichen Unterschied zwischen den Restorative Circles nach Dominic Barter und den Kreisdialogen, die ich auf Grundlage meines Rahmenkonzeptes BoAS im Strafvollzug durchführe. Bei den klassischen Restorative Circles kommen Menschen zusammen, die von einem konkreten gemeinsamen Konflikt direkt oder indirekt betroffen sind. Bei BoAS begegnen sich Tatbetroffene und Inhaftierte, die nicht an derselben Straftat beteiligt waren. Die Auswahl erfolgt jedoch mit Blick auf möglichst gleiche oder ähnliche Delikte, sodass eine inhaltliche Auseinandersetzung mit den Erfahrungen und Tatfolgen möglich wird. Diese Besonderheit eröffnet einen anderen Zugang. Tatbetroffene können Fragen stellen, die sie den für ihre eigene Tat verantwortlichen Menschen möglicherweise nie stellen konnten oder wollten. Sie können erfahren, wie Menschen, die schwere Straftaten begangen haben, über Schuld, Verantwortung und die Folgen ihres Handelns denken. Inhaftierte wiederum begegnen Menschen, die aus eigener Erfahrung über die Auswirkungen von Straftaten berichten können. Die Folgen von Gewalt oder anderen Straftaten werden dadurch auf eine Weise erfahrbar, die über eine rein theoretische Auseinandersetzung hinausgehen kann. Die Begegnung mit Menschen aus der Zivilgesellschaft erweitert diesen Dialog um persönliche Fragen, Erfahrungen und Vorstellungen von Gerechtigkeit und gesellschaftlichem Zusammenleben. Gerade diese dritte Perspektive halte ich für bedeutsam. Denn Straftaten und ihre Folgen betreffen über die unmittelbar Beteiligten hinaus auch das Vertrauen in gesellschaftliche Beziehungen und die Frage, wie Menschen nach schweren Verletzungen und Grenzüberschreitungen wieder Teil einer Gemeinschaft sein können. Auch die Zielsetzung unterscheidet sich. Bei BoAS geht es darum, einen geschützten Raum für die Auseinandersetzung mit Straftaten, ihren Folgen, den Bedürfnissen von Tatbetroffenen und der Verantwortung der Tatverantwortlichen zu schaffen. Versöhnung oder gar Vergebung sind dabei weder Voraussetzung noch Ziel. Für mich ist besonders wichtig, dass Tatbetroffene nicht in die Rolle geraten, den Inhaftierten Einsicht oder persönliche Entwicklung ermöglichen zu müssen. Ihre Teilnahme hat einen eigenständigen Wert. Ihre Erfahrungen, Fragen, Bedürfnisse und Grenzen verdienen Aufmerksamkeit, unabhängig davon, welche Veränderungen bei den Inhaftierten stattfinden.
Eine weitere Besonderheit ergibt sich aus den institutionellen Bedingungen. Restorative Justice- Kreisdialoge im Strafvollzug findet innerhalb eines Systems statt, das durch Freiheitsentzug, Sicherheitsvorschriften, Hierarchien und zahlreiche Abhängigkeiten geprägt ist. Diese Bedingungen beeinflussen auch die Möglichkeiten eines freiwilligen Dialogs. Deshalb kommt der Vorbereitung und der Gestaltung psychologischer Sicherheit bei BoAS eine besondere Bedeutung zu. Vor den gemeinsamen Begegnungen finden ausführliche Einzelgespräche und mehrere vorbereitende Gruppensitzungen statt. Die unterschiedlichen Personengruppen werden zunächst getrennt begleitet, bevor sie im gemeinsamen Kreisdialog aufeinandertreffen. Dabei beschäftigen wir uns unter anderem mit Erwartungen, Befürchtungen, möglichen Belastungen, persönlichen Grenzen und der Bereitschaft, sich auf andere Perspektiven einzulassen. Gerade bei Menschen, die schwere Gewalt erlebt haben, muss sorgfältig geprüft werden, unter welchen Bedingungen eine Teilnahme verantwortbar ist. Auch bei den Inhaftierten ist zu berücksichtigen, dass Erwartungen und mögliche Konsequenzen innerhalb der Institution das eigene Verhalten beeinflussen können. Freiwilligkeit muss deshalb mehr sein als eine unterschriebene Einverständniserklärung. Die externe Projektleitung und eine traumasensible, allparteiliche Begleitung sind aus meiner Sicht wesentliche Voraussetzungen für solche Begegnungen. Gleichzeitig bleibt die Frage bestehen, wie innerhalb eines Systems, das auf Kontrolle und Begrenzung ausgerichtet ist, Räume entstehen können, in denen Menschen tatsächlich selbstbestimmt sprechen, zuhören und Verantwortung übernehmen.
Meine Begegnungen mit Heidrun Fiedler und Dominic Barter haben mich darin bestärkt, den Dialog als einen eigenständigen und anspruchsvollen Prozess zu verstehen. Mich interessiert, was geschieht, wenn Menschen erleben, dass ihnen zugehört wird, ohne dass ihre Aussagen sofort bewertet, relativiert oder korrigiert werden. Wie verändert sich die Wahrnehmung eines anderen Menschen, wenn dessen Erfahrungen und Beweggründe verständlicher werden? Gerade im Zusammenhang mit schweren Straftaten bleibt für mich unverzichtbar, zwischen dem Verstehen einer Handlung und ihrer Bewertung zu unterscheiden. Ich bin Heidrun Fiedler und Dominic Barter sehr dankbar für ihre Arbeit, ihre Offenheit und die Möglichkeiten des persönlichen Austauschs. Ihre Erfahrungen und Überlegungen regen mich immer wieder dazu an, meine eigene Praxis kritisch zu betrachten und weiterzuentwickeln. Mein Handlungskonzept BoAS hat einen eigenen methodischen Aufbau und ist auf die besonderen Anforderungen des Strafvollzugs ausgerichtet. Gleichzeitig fühle ich mich mit der Haltung verbunden, die ich in ihrer Arbeit wiederfinde: Menschen ernst zu nehmen, ihre Erfahrungen anzuerkennen und ihnen zuzutrauen, Verantwortung für ihr Handeln und ihr Zusammenleben zu übernehmen.
Der Dokumentarfilm „Restorative Circles“ bietet einen guten Einblick in diese Haltung und ihre praktische Umsetzung. Besonders empfehlenswert finde ich ihn für Menschen, die sich mit Restorative Justice, Gewaltfreier Kommunikation, Konfliktbearbeitung oder der Gestaltung von Dialogprozessen beschäftigen. Auch das Buch zu Restorative Circles von Heidrun kann ich sehr empfehlen.
Zum Film: „Restorative Circles“ auf YouTube: https://www.youtube.com/watch?v=RU9ja3Ue7Gs









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