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Workshop unserer internationalen Arbeitsgruppe zu Restorative Justice in geschlosssenen Systemen auf der dritten Internationale Konferenz des Europäischen Forums für Restorative Justice (EFRJ)

  • 24. Juni
  • 3 Min. Lesezeit
Foto: privat
Foto: privat

Vier Tage lang wurde in Posen über eine zentrale Frage diskutiert: Wie verändert Restorative Justice Menschen, Beziehungen, Institutionen und letztlich Gesellschaften?

Unter dem Titel „Echoes of Restorative Encounters: Voices, Evidence, and the Ripple Effects of Restorative Justice in Action“ brachte die 13. Internationale Konferenz des Europäischen Forums für Restorative Justice (EFRJ) vom 10. bis 13. Juni 2026 Menschen aus aller Welt zusammen. Rund 330 Teilnehmende aus 36 Ländern kamen nach Polen, um Erfahrungen auszutauschen, voneinander zu lernen und gemeinsam über die Zukunft der Restorative Justice nachzudenken. Was diese Konferenz für mich besonders machte, war nicht allein die fachliche Qualität der Beiträge. Es war die Vielfalt der Perspektiven. Wissenschaftler:innen, Praktiker:innen, Betroffene, politische Entscheidungsträger:innen und Vertreter:innen der Zivilgesellschaft diskutierten auf Augenhöhe darüber, wie restorative Ansätze heute wirken und welche Herausforderungen vor uns liegen.


Besonders gefreut habe ich mich darüber, gemeinsam mit Kolleg:innen der EFRJ-Arbeitsgruppe „Restorative Justice and Imprisonment“ einen eigenen Workshop auf der Konferenz gestalten zu dürfen. Unter dem Titel „User-Centered Approaches to Practice and Policy Design: The Case Study of Victims Entering Prison“ haben wir einen Ansatz vorgestellt, der aus dem User-Experience-(UX)-Design stammt und in der Restorative Justice bislang noch selten genutzt wird. Ausgangspunkt unseres Workshops war die Frage, was Menschen benötigen, die sich als Betroffene für die Teilnahme an einem Restorative-Justice Verfahren im Strafvollzug entscheiden. Der Eintritt in eine Justizvollzugsanstalt kann mit Unsicherheit, Kontrollverlust und Ängsten verbunden sein. Gleichzeitig ist genau dieser Schritt für viele Betroffene eine wichtige Voraussetzung, um Antworten auf offene Fragen zu erhalten, Verantwortung einzufordern oder einen persönlichen Verarbeitungsprozess zu unterstützen. Gemeinsam mit den Teilnehmenden arbeiteten wir in mehreren Gesprächskreisen und Perspektivwechseln. Mithilfe einer zuvor entwickelten Betroffenen-Persona schlüpften die Teilnehmenden in unterschiedliche Rollen und zeichneten die gesamte „Reise“ einer betroffenen Person nach, von der ersten Information über das Verfahren bis zum Betreten der Haftanstalt. Dabei beschäftigten wir uns mit den Fragen: Was fühlt die betroffene Person in diesem Moment? Welche Hindernisse könnten ihr begegnen? Was vermittelt Sicherheit? Was stärkt Selbstbestimmung und Vertrauen? Die Ergebnisse waren beeindruckend. Obwohl die Teilnehmenden aus ganz unterschiedlichen Ländern und Praxisfeldern kamen, zeigten sich viele gemeinsame Erkenntnisse. Immer wieder wurden transparente Informationen, emotionale Sicherheit, Freiwilligkeit, Wahlmöglichkeiten, eine sensible Vorbereitung und die Wahrung der Würde der betroffenen Person als zentrale Voraussetzungen genannt.

Für mich war dieser Workshop ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie wertvoll die Perspektivwechsel in der Restorative Justice sind. Wenn wir Angebote konsequent aus Sicht der Menschen betrachten, die sie nutzen sollen, entstehen nicht nur bessere Verfahren, sondern auch gerechtere und menschlichere Zugänge. Genau darin liegt für mich eine der großen Stärken restorativer Ansätze: Menschen nicht als Teil eines Systems zu betrachten, sondern das System aus der Perspektive der Menschen zu gestalten.


Ein wiederkehrendes Thema auf der Konferenz war die Bedeutung von Stimmen, die häufig zu wenig gehört werden. Viele Beiträge beschäftigten sich mit der Frage, wie Erfahrungen sichtbar gemacht werden können. Dabei wurde deutlich, dass die Wirkung von Restorative Justice oft weit über das hinausgeht, was sich statistisch erfassen lässt. Vertrauen, Verantwortungsübernahme, Heilung, Wiedergutmachung und Beziehungen lassen sich nicht in Zahlen ausdrücken. Dennoch prägen sie das Leben nachhaltig. Immer wieder wurde betont, dass Menschen mit eigenen Erfahrungen nicht nur Teil restorativer Prozesse sind, sondern auch wichtige Wissens- und Erfahrungsträger:innen für Forschung, Praxis und Politik.


Ein weiterer Schwerpunkt war die Frage nach Evidenz. Wie können wir zeigen, dass Restorative Justice wirkt? Welche Methoden werden der Komplexität menschlicher Erfahrungen gerecht? Hier konnte ich mich gut mit einbringen, da mich genau diese Fragen in Bezug auf die RJ-Kreisdialoge im Gefängnis beschäftigen.

Die Diskussionen machten deutlich, dass es nicht um einen Gegensatz zwischen Geschichten und Forschung geht. Vielmehr braucht es beides: belastbare wissenschaftliche Erkenntnisse und die persönlichen Erfahrungen der Menschen, die restorative Prozesse erlebt haben. Erst das Zusammenspiel beider Perspektiven ermöglicht ein umfassendes Verständnis von Wirkung.


Besonders inspirierend war die Vielzahl an Beiträgen, die Restorative Justice nicht nur als Methode der Konfliktbearbeitung verstanden, sondern als gesellschaftlichen Ansatz und Haltung vorallem. Diskutiert wurden restorative Praktiken in Strafvollzug, Jugendhilfe, Schulen, Nachbarschaften, Gesundheitswesen und Gemeinwesenarbeit. Immer wieder stand die Frage im Raum, wie restorative Werte zu mehr Beteiligung, Dialog und sozialem Zusammenhalt beitragen können. Dabei wurde deutlich: Restorative Justice entfaltet ihre größte Wirkung dort, wo sie nicht als einzelnes Verfahren verstanden wird, sondern als Haltung. Eine Haltung, die Menschen einlädt, Verantwortung zu übernehmen, Beziehungen zu stärken und Konflikte als Chance für Entwicklung zu begreifen.


Neben den Vorträgen und Workshops waren es auch die Begegnungen zwischen den Teilnehmenden, die die Konferenz geprägt haben. Gespräche in den Pausen, spontane Diskussionen nach den Sessions und neue internationale Kontakte machten mir so deutlich, wie lebendig und vielfältig die weltweite Restorative-Justice Gemeinschaft inzwischen geworden ist.


Die 4 Tage in Posen (inklusive Pre-Praxistag) haben mir gezeigt, dass Restorative Justice weltweit an Bedeutung gewinnt. Gleichzeitig wurde mir auch deutlich, dass noch viele Fragen offen sind: Wie können wir Wirkung besser sichtbar machen? Wie erreichen wir mehr Menschen? Wie können wir restorative Werte in gesellschaftliche Strukturen implementieren und diese nachhaltig verändern?



 
 
 

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