Bericht zum zweiten und somit der gemeinsamen Abschlusssitzung eines Restorative Justice- Kreisdialoges im Justizvollzug Bielefeld- Brackwede am 09.05.2026
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Der zweite Kreisdialog: Über Verantwortung ohne einfache Antworten.
Nach dem ersten gemeinsamen Kreisdialog im April fand nun das zweite Treffen innerhalb des Restorative Justice-Prozesses in der Haftanstalt Bielefeld-Brackwede statt. Nach den vorbereitenden Einzelgesprächen und dem ersten gemeinsamen Kreis lag der Schwerpunkt diesmal wieder auf den persönlichen Schilderungen einzelner Teilnehmender und der vertieften Auseinandersetzung mit Fragen von Schuld, Verantwortung und Gerechtigkeit.
Wie bereits beim ersten Treffen begann auch dieser Kreisdialog mit dem gemeinsamen Ritualen. Die Teilnehmenden hatten erneut die Möglichkeit, zunächst im eigenen Tempo anzukommen und sich innerlich zu orientieren. Gerade im Strafvollzug ist diese Form der Verlangsamung und Strukturierung bedeutsam, da viele Beteiligte unter hoher innerer Anspannung stehen (siehe Blogbeitrag zur psychologischen Sicherheit). Im Zentrum des zweiten Kreisdialoges standen diesmal zwei ausführliche Berichte von Betroffenen und Tatverantwortlichen. Die Erzählungen orientierten sich an Leitfragen nach Veränderungen durch die Tat, offenen Bedürfnissen und was bis heute lebendig ist bei den Teilnehmenden und deren Angehörigen/Freund:innen. Die Offenheit, mit der einzelne Teilnehmende ihre Erfahrungen schilderten, führte zu einer spürbaren emotionalen Verdichtung im Raum. Es wurde deutlich, dass Fragen nach „gerechter Strafe“ selten eindeutig beantwortet werden können. Intensiv wurde diskutiert, wie Betroffene mit Situationen umgehen, in denen Tatverantwortliche keine Einsicht zeigen oder Taten bagatellisieren. Oder Menschen als schuldunfähig eingestuft werden. Gerade an diesem Punkt zeigte sich eine zentrale Spannung in Restorative Justice Verfahren: Juristische Kategorien und subjektives Erleben fallen nicht zwangsläufig zusammen. Für Betroffene von Straftaten kann auch dann ein massiver Schaden bestehen bleiben, wenn strafrechtlich keine oder nur eingeschränkte Schuld festgestellt wird. Die Frage, was in solchen Situationen überhaupt als „gerecht“ empfunden werden kann, blieb offen im Raum stehen. Restorative Justice-Verfahren zielen ja nicht darauf ab, strafrechtliche Verantwortung zu ersetzen oder aufzulösen. Vielmehr eröffnet der RJ-Kreisdialog einen Raum, in dem auch die emotionalen, sozialen und biografischen Folgen von Gewalt sichtbar werden dürfen. Besonders eindrücklich war die Rückmeldung eines Teilnehmenden, dass dieser Raum im Kreis es ermögliche, Fragen auszusprechen, die sonst oft keinen Platz hätten auch dann, wenn es darauf möglicherweise keine abschließenden Antworten gibt. Gerade diese Ambivalenz auszuhalten, ohne vorschnelle Lösungen zu produzieren, gehört -für mich- zu den anspruchsvollsten Aspekten dieser Arbeit.
Der zweite Kreisdialog machte erneut deutlich, wie bedeutsam sorgfältige Moderation, psychologische Sicherheit und ausreichend Zeit in solchen Prozessen sind. Restorative Justice im Strafvollzug bedeutet nicht Harmonie im jeden Preis. Vielmehr geht es darum, auch schwierige Gefühle, Widersprüche und offene Fragen gemeinsam aushalten zu können ohne Beschämung und ohne die Komplexität menschlicher Erfahrungen zu vereinfachen. Zum Abschluss formulierten die Teilnehmenden persönliche Gedanken dazu, was sie aus den Treffen mitnehmen und was für wichtig bleibt. Fragen sind offen geblieben, aber sie sind gestellt worden. Und vielleicht war gerade das einer der ehrlichsten Momente dieses zweiten Kreisdialogs.
Ich bleibe erneut in großer Demut und Dankbarkeit gegenüber der Möglichkeit, diese Arbeit begleiten zu dürfen. Mein besonderer Dank gilt den beteiligten Anstaltsleitungen sowie den Mitarbeitenden des psychologischen und sozialen Dienstes der JVA, deren Offenheit, Engagement und Fachlichkeit die Durchführung dieser Kreisdialoge überhaupt ermöglicht haben. Die Umsetzung erfolgte jeweils auf Grundlage meines Rahmenkonzeptes "Betroffenenorientiertes Arbeiten im Strafvollzug (BoAS)", ergänzt durch eigene konzeptionelle Weiterentwicklungen und spezifische fachliche Überlegungen des Teams zur Gestaltung der RJ- Kreisdialoge in der "eigenen" Anstalt.









Ich bin immer wieder beeindruckt von Ihrer Arbeit und Ihren Beiträgen. Sie ermöglichen Räume für einen offenen und ehrlichen Austausch und Dialog, wo dies auf dem ersten Blick gar nicht möglicht erscheint. Welch wundervoller und wichtiger Beitrag für unser gesellschaftliches Miteinander, an dem sich gerade in der heutigen Zeit und Weltlage sehr viele an Beispiel nehmen sollten!