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Fachtagung am 16.06.2026 in Berlin an der FH Sozialwesen Traumainformierte Praxis im interdisziplinären Kontext: Kinder- und Jugendhilfe, Justiz und Therapie

  • vor 17 Stunden
  • 3 Min. Lesezeit

Eingeladen hat mich Prof. Dr. Selin Arikoglu zu dieser Fachtagung. Selin ist Professorin für Soziale Arbeit mit dem Schwerpunkt Kinder- und Jugendhilfe an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin. Ihre Arbeit fokussiert insbesondere Straffälligkeit im biografischen Kontext, Inhaftierung sowie deren Auswirkungen auf Angehörige, insbesondere Kinder. Sie verbindet wissenschaftliche Perspektiven mit praxisnaher Erfahrung aus dem Jugend- und Erwachsenenstrafvollzug sowie der Jugendhilfe. Ein zentrales Anliegen ihrer Arbeit ist es, Straffälligkeit differenziert zu verstehen und daraus fundierte Ansätze für die Soziale Arbeit im Kontext von Strafvollzug und gesellschaftlicher Teilhabe zu entwickeln.



Meinen Vortrag "Restorative Justice und Traumata" verstehe ich inhaltlich als Restorative Verfahren (die RJ- Kreisdialoge, die ich seit 2026 in deutschen Gefängnissen durchführe) im Strafvollzug: Trauma verstehen, Verantwortung ermöglichen

In meiner Arbeit und auch hier im Blog habe ich immer wieder über zwei zentrale Aspekte gesprochen: die innere Haltung in meiner Arbeit sowie die oft unterschätzte Belastung sowohl bei Menschen, die Betroffen von Straftaten sind als auch bei Inhaftierten. Beide Perspektiven sind essenziell, wenn wir über Restorative Justice- Verfahren Strafvollzug sprechen. Und beide bilden die Grundlage für das, worüber ich im Rahmen meiner Fachtagung zu Restorative Justice und Traumata sprechen werde: Restorative Justice als traumasensibler Ansatz.


Trauma ist kein Randthema: Es ist zentral

Ein Großteil der Inhaftierten hat eigene Gewalt- und Vernachlässigungserfahrungen. Trauma ist im Strafvollzug nicht die Ausnahme, sondern strukturelle Realität. Hier berichtet Nina Zolezzi im Zusammenhang mit CPP darüber Nina Zolezzi - Compassion Prison Project Gleichzeitig tragen auch viele Betroffene von Straftaten langfristige psychische und körperliche Folgen. Was in klassischen strafrechtlichen Verfahren oft fehlt, ist ein Raum, in dem diese Erfahrungen gesehen, verstanden und eingeordnet werden.

Wenn wir -wie ich es in meinen vorherigen Beiträgen beschrieben habe- Haltung nicht nur als professionelle Distanz, sondern als bewusste, reflektierte Position verstehen, dann bedeutet das auch: Wir müssen anerkennen, dass Verhalten häufig Ausdruck unverarbeiteter Erfahrungen ist. Das gilt für Betroffene genauso wie für Inhaftierte.


Zwischen Verantwortung und Verstehen

Ein traumasensibler Blick darf niemals mit Relativierung verwechselt werden. Verantwortung bleibt zentral. Doch Verantwortung entsteht nicht durch Beschämung oder reine Sanktion, sondern durch Verstehen, Einordnung und die Möglichkeit zur aktiven Auseinandersetzung.


Hier setzt Restorative Justice an. Der Ansatz verschiebt den Fokus: Weg von reiner Bestrafung, hin zu Beziehung, Dialog und Wiedergutmachung. Das bedeutet nicht, dass Schuld aufgehoben wird, sondern dass sie bearbeitbar wird.


Belastung sichtbar machen

In meinen bisherigen Publikationen habe ich beschrieben, wie tiefgreifend Belastung wirken kann bei Betroffenen als anhaltende Unsicherheit, Kontrollverlust und Fragmentierung von Erfahrungen und bei Inhaftierten als oft unerkannte Folge früher Traumatisierungen, die sich in Gewalt, Rückzug oder Dysregulation zeigen.


Ein System, das diese Belastungen ignoriert, produziert häufig neue Verletzungen.

Restorative Justice- Verfahren eröffnen hier einen anderen Zugang: Es schafft (wenn gut vorbereitet und begleitet) Räume, in denen Betroffene ihre Perspektive ausdrücken können, Inhaftierte Verantwortung übernehmen und die Auswirkungen ihres Handelns verstehen und beide Seiten wieder ein Stück Handlungsmacht zurückgewinnen.


Mein BoAS- Konzept: traumasensibel, strukturiert, verantwortungsorientiert

In meinem Konzept "Betroffenenorientiertes Arbeiten im Strafvollzug" verbinde ich drei zentrale Elemente:


  1. Traumasensibilität als Grundhaltung: Jede Begegnung ist geprägt von dem Wissen um mögliche Vorbelastungen. Sicherheit, Freiwilligkeit und Stabilisierung stehen an erster Stelle.

  2. Klare Verantwortungsarbeit: Inhaftierte werden nicht entlastet, sondern unterstützt, Verantwortung wirklich zu übernehmen, jenseits von Floskeln oder Anpassung im Sinne der Entwicklung eines Avatares.

  3. Strukturierte Dialogräume: Begegnungen erfolgen nicht spontan, sondern vorbereitet, moderiert und eingebettet in einen sehr professionellen Rahmen.


Das Ziel ist nicht Versöhnung um jeden Preis. Das Ziel ist Verstehen, Anerkennung von emotionalen, psychischen und physischen Schaden und -wo möglich- ein Schritt in Richtung Wiederherstellung.


Warum das jetzt wichtig ist

Strafvollzug steht immer wieder in der Spannung zwischen Sicherheit, Sanktion und Resozialisierung. Wenn wir Trauma dabei ausblenden, bleiben viele Maßnahmen oberflächlich.

Ein traumasensibler restorativer Ansatz ist kein „weiches“ Add-on, sondern eine notwendige Weiterentwicklung: für nachhaltige Resozialisierung, für echten sog. Opferschutz und für ein System, das nicht nur reagiert, sondern auch versteht.


Ausblick auf die Fachtagung

In der Fachtagung werde ich diese Perspektiven in meinem Impulsvortrag vertiefen und praxisnah darstellen:

  • Wie erkennen wir Trauma im Vollzugskontext?

  • Welche Haltung braucht es im professionellen Handeln?

  • Wie kann Restorative Justice konkret implementiert werden?

  • Und wo liegen Grenzen dieses Ansatzes?


Ich verstehe diese Arbeit als Einladung: Hinzusehen, differenziert zu denken und neue Wege zuzulassen, ohne dabei die Komplexität aus dem Blick zu verlieren.

Denn genau dort, wo Belastung am größten ist, liegt oft auch das größte Potenzial für Veränderung. Ich freue mich drauf! Anmeldungen siehe Flyer!



















 
 
 

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