Bericht zur ersten Sitzung eines Restorative Justice- Kreisdialoges im Justizvollzug Bielefeld- Brackwede am 19.04.2026
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Nach fünf intensiven vorbereitenden Treffen war es am 18.04.2026 soweit: Das erste gemeinsame Treffen eines Restorative Justice- Kreisdialogs auf der Grundlage meines Konzeptes "Betroffenenorientiertes Arbeiten im Strafvollzug (BoAS)" fand in der Haftanstalt in Bielefeld-Brackwede statt, begleitet durch die Sozialarbeiterin der JVA und mich. Es ist bereits das zweite Mal, dass ich ein Team bei dieser Arbeit begleiten darf. Dass diese Täter-Opfer-Kreise (TOK) dort stattfinden können, ist in erster Linie dem engagierten Team sowie den ehemaligen Anstaltsleitern Herrn Nelle-Cornelsen und Herrn Wulfert und dem aktuellen Anstaltsleiter Herrn Burlage zu verdanken. Sechs Teilnehmende, inhaftierte Personen und Betroffene von Straftaten (nicht ein und derselben Straftat, aber deliktähnlich) kamen erstmals in einen direkten, geschützten Dialog.
Nach Durchführung des etablierten Einstiegsrituals wurde der Gruppe von insgesamt sechs Teilnehmenden eine moderierte Vorstellungsrunde angeboten. Ziel war es, zunächst eine persönliche Ebene der Begegnung zu ermöglichen, ohne dabei bereits vertieft in die jeweiligen Tatkontexte einzusteigen. Eine betroffene Person formulierte den Wunsch, direkt in die dialogische Phase mit persönlichen Schilderungen einzusteigen. Dieser Impuls wurde von den übrigen Teilnehmenden aufgegriffen und einvernehmlich unterstützt. Die Gruppenatmosphäre entwickelte sich nach einem initialen Moment spürbarer Anspannung, insbesondere beim erstmaligen Zusammentreffen von Betroffenen und Inhaftierten, rasch in Richtung einer offenen und zugewandten Gesprächssituation.
Den Auftakt der inhaltlichen Auseinandersetzung bildete die Schilderung eines inhaftierten Teilnehmers. Dieser berichtete aus seiner Biografie sowie über seine Tatgeschichte und brachte dabei insbesondere ein ausgeprägtes Schamempfinden zum Ausdruck. In Bezug auf seine Verurteilung zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe schilderte er ein ambivalentes Erleben: Einerseits empfinde er die Strafe als gerecht, andererseits erscheine sie ihm im Vergleich zu anderen Fällen und Strafzumessungen teilweise als unverhältnismäßig. Er thematisierte zudem Aspekte seines Strafverfahrens, in dem er sich als Person nicht hinreichend wahrgenommen fühlte. Gleichwohl betonte er seine vollständige Verantwortungsübernahme und den bewussten Verzicht auf Rechtsmittel. Im anschließenden Dialog erhielt er aus der Gruppe Rückmeldungen, die sowohl Anerkennung für die Übernahme von Verantwortung als auch kritische und vertiefende Nachfragen beinhalteten. Eine betroffene Person erkundigte sich insbesondere nach seinem subjektiven Erleben während und nach der Tat sowie nach möglichen Gedanken an die Angehörigen des Opfers. Im weiteren Verlauf entwickelte sich eine intensive Auseinandersetzung zu den Themen Vergebung und Vergeltung. Mehrere Teilnehmende diskutierten unterschiedliche Perspektiven, unter anderem die Frage, ob Gewalt durch Gegengewalt beantwortet werden könne oder ob dies zu einer Form von Ausgleich führe. Eine betroffene Person schilderte eindrücklich ihre eigene Entwicklung: Während initial starke Racheimpulse vorhanden gewesen seien, habe sich im Zeitverlauf die Einsicht durchgesetzt, dass eine solche Handlung zu einer eigenen fortgesetzten Belastung sowohl faktisch als auch psychisch geführt hätte.
Ein weiterer thematischer Schwerpunkt entstand im Kontext wahrgenommener struktureller Ungleichgewichte im Justizsystem. Betroffene berichteten von erheblichen finanziellen Belastungen infolge der Tat (u. a. Bestattungskosten, Anwaltskosten), während gleichzeitig der Eindruck geäußert wurde, dass Tatverantwortliche umfassender staatlicher Unterstützung unterlägen. Demgegenüber schilderte ein inhaftierter Teilnehmer seine eigene Erfahrung finanzieller Restriktionen im Vollzug und mangelnder Transparenz hinsichtlich seiner Arbeitsentgelte. Diese Sequenz verdeutlichte unterschiedliche, teils konträre Wahrnehmungen von Gerechtigkeit und institutionellen Rahmenbedingungen.
Im weiteren Verlauf berichtete ein weiterer inhaftierter Teilnehmer von seinen Straftaten. Er brachte deutliche Reue zum Ausdruck und reflektierte biografische Einflussfaktoren, insbesondere eine früh einsetzende Delinquenzentwicklung sowie den Einfluss von Alkohol. Er schilderte seine Taten und stellte explizit die Frage nach möglicher Vergebung in einem vergleichbaren Kontext. Die dialogische Dynamik in dieser Phase war geprägt von wechselseitiger Anerkennung, emotionaler Offenheit sowie einer zunehmenden Bereitschaft zur Perspektivübernahme. Wiederkehrend wurden Themen wie Verantwortung, Gerechtigkeit, Anerkennung von Leid sowie individuelle Bewältigungsstrategien verhandelt.
Ein (gut vorbereiteter!) Restorative Justice- Kreisdialog bietet einen tragfähigen Rahmen für differenzierte, auch emotional anspruchsvolle Auseinandersetzungen. Die Kombination aus strukturierenden Elementen und prozessoffener Moderation ermöglichte es den Teilnehmenden, sowohl persönliche Erfahrungen einzubringen als auch in einen echten dialogischen Austausch zu treten.
Was dieser Kreisdialog mir zum wiederholten Male gezeigt hat: Wenn ein klar gehaltener, sicherer Rahmen geschaffen wird, können selbst hochbelastete Themen in einen echten Dialog überführt werden. Perspektivübernahme, Verantwortungsreflexion und gegenseitige Anerkennung werden möglich ohne dabei Widersprüche aufzulösen, aber indem sie ausgehalten und bearbeitet werden. Ich selber bin an diesem Tag danach voller Demut und Dankbarkeit diesen Prozess begleiten zu dürfen.









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