Psychologische Sicherheit im Gefängnis: Warum sie die Grundlage für Restorative Justice- Kreisdialoge im Strafvollzug ist.
- vor 2 Tagen
- 4 Min. Lesezeit

Das Modell der psychologischen Sicherheit (ein Freund aus München hat mich damit in Verbindung gebracht: Danke, Jan!) insbesondere geprägt durch die Arbeiten von Amy Edmondson, hat im Kontext von Restorative Justice-Kreisdialogen im Strafvollzug auch eine außerordentlich hohe Bedeutung. Gerade bei der Umsetzung der Restorative Justice- Kreisdialogen nach meinem Konzept "Betroffenenorientiertes Arbeiten im Strafvollzug (BoAS)" in einer Justizvollzugsanstalt treffen Menschen mit sehr unterschiedlichen Rollen, Machtpositionen, Verletzungen, Loyalitäten und Schutzmechanismen aufeinander. Ohne ein Mindestmaß an psychologischer Sicherheit wäre ein ehrlicher, verantwortungs-übernehmender und emotional tragfähiger Dialog hier kaum möglich. Psychologische Sicherheit bedeutet dabei aus meiner Sicht nicht ausschließlich „Wohlfühlen“ (das darf natürlich!) oder Konfliktfreiheit. Gemeint ist vielmehr die subjektive Erfahrung, sich äußern zu dürfen, ohne beschämt, entwertet, bedroht oder sanktioniert zu werden. Menschen müssen erleben können, dass sie sprechen dürfen, Gefühle zeigen dürfen, Unsicherheiten und Ambivalenzen ausdrücken dürfen, Verantwortung ohne Sanktionserlebnisse, Grenzen setzen dürfen und vor allem, dass sie wirklich gehört werden. Im Strafvollzug ist dies herausfordernd, weil die Institution selbst überwiegend auf Kontrolle, Sicherheit, Hierarchie und Risikomanagement basiert. Restorative Justice ist eine Haltung und ein Verfahren, wie das eines Kreisdialoges, benötigt Offenheit, Reflexion, Beziehung und emotionale Präsenz. Hier kann ein Spannungsverhältnis entstehen.
Tatbetroffene Personen
Für betroffenen Personen ist psychologische Sicherheit eine Grundvoraussetzung, um überhaupt in einen Kreisdialog einzutreten. Viele Betroffene bringen Erfahrungen von Ohnmacht, Kontrollverlust, Grenzverletzung oder Traumatisierung mit. Psychologische Sicherheit bedeutet hier insbesondere: freiwillige Teilnahme, Kontrolle über Nähe und Distanz, transparente Abläufe, die Möglichkeit, jederzeit auszusteigen, Schutz vor Relativierung oder Rechtfertigung der Tat, emotionale Stabilisierung vor, während und nach dem Dialog und ernst genommen werden mit Schmerz, Wut, Angst oder Ambivalenz.
Tatverantwortliche Personen
Für inhaftierte Menschen ist psychologische Sicherheit oft ebenso schwierig. Gefängnisse fördern häufig Anpassung, Maskierung, Härte oder emotionalen Rückzug. Verletzlichkeit kann innerhalb der Haftkultur als Risiko erlebt werden. Damit inhaftierte Personen sich ehrlich mit Schuld, Tatfolgen und Scham auseinandersetzen können, brauchen sie einen Rahmen, in dem: Fehler eingestanden werden dürfen, Ambivalenzen ausgesprochen werden können, Emotionen nicht gegen sie verwendet werden, keine Demütigung entsteht und Verantwortung nicht mit totaler moralischer Vernichtung gleichgesetzt wird.
Interessanterweise ist Verantwortungsübernahme häufig nur dort möglich, wo Menschen sich nicht ausschließlich verteidigen müssen. Psychologische Sicherheit schafft also keinen „Schonraum“, sondern erst die Grundlage für echte Konfrontation, bzw. Begegnung.
Vollzugsbedienstete
Auch Mitarbeitende der Justizvollzug benötigen psychologische Sicherheit. Restorative Prozesse berühren oft institutionelle Spannungen: Unsicherheiten im Umgang mit emotionalen Prozessen, Sorge vor Kontrollverlust, Loyalitätskonflikte, Angst vor Kritik an institutionellen Strukturen und Rollenkonflikte zwischen Sicherheit und Beziehungs-gestaltung. Wenn Mitarbeitende das Gefühl haben, Fehler oder Unsicherheiten dürften nicht sichtbar werden, entsteht vielleicht Abwehr gegen Restorative Justice- Verfahren.
Psychologische Sicherheit bedeutet hier: Fragen stellen dürfen, Unsicherheiten äußern dürfen, fachliche Reflexion ohne Beschämung, interdisziplinäre Kooperation und Anerkennung emotionaler Belastungen.
Gerade externe Fachpersonen können hier eine wichtige moderierende Funktion übernehmen, weil sie Räume schaffen können, die nicht unmittelbar in institutionelle Hierarchien eingebunden sind.
Externe Fachpersonen
Auch ich als externe Moderatorin und RJ-Fachkraft benötige psychologische Sicherheit im RJ-Prozess im Strafvollzug. Denn ich bewege mich oft zwischen unterschiedlichen Erwartungshaltungen von Institution, Betroffenen, Inhaftierten, Politik und Öffentlichkeit. Fehlt diese Sicherheit, entsteht die Gefahr, dass die Prozesse funktionalisiert oder beschleunigt werden. Psychologische Sicherheit bedeutet für mich: fachliche Unabhängigkeit, transparente Rollenklärung, klare ethische Standards, Supervision und Reflexion und Schutz vor Instrumentalisierung.
Das Modell der psychologischen Sicherheit lässt sich also nicht als einzelne Methode „einbauen“, sondern muss die gesamte Haltung, Struktur und Prozessgestaltung prägen.
Vorbereitung statt Schnellverfahren
Psychologische Sicherheit entsteht vor allem in der Vorbereitung. Dazu gehören: Einzelvorgespräche, Erwartungsklärung, Traumafolgensensibilität, transparente Informationen, Prüfung von Motivation und Belastbarkeit und gemeinsame Entwicklung von Gruppenregeln.
Ritualisierung und Struktur
In den RJ-Kreisen, in denen mein Rahmenkonzept BoAS zugrunde liegt, arbeiten wir mit klaren Ritualen und wiederkehrenden Elementen:
Begrüßungsrituale
Schweigeminuten
Sprechgegenstände
feste Gesprächsregeln
Klare, transparente Ablaufstruktur
klare Moderation
Denn aus meiner Erfahrung auch als Traumafachberaterin reduziert Vorhersagbarkeit Stress und erhöht die Sicherheit.
Freiwilligkeit konsequent absichern
Psychologische Sicherheit ist unmöglich ohne echte Freiwilligkeit. Das betrifft: Teilnahme, Redeanteile, Themen, Pausen und Rückzugsmöglichkeiten.
Umgang mit Scham
Ich erlebe, dass Scham in RJ-Prozessen zentral ist bei allen Beteiligten. Scham kann zu: Rückzug, Aggression, Rationalisierung und emotionaler Abschaltung führen. Psychologische Sicherheit bedeutet aus meiner Sicht nicht, Scham zu vermeiden, sondern sie so zu halten, dass Reflexion möglich bleibt. Das gelingt aus meiner Sicht durch respektvolle Konfrontation und Anerkennung menschlicher Komplexität.
Trauma- und Stresssensibilität spielen im Rahmen von Restorative Justice-Kreisdialogen im Strafvollzug eine zentrale Rolle. Viele Beteiligte sowohl tatbetroffene als auch tatverantwortliche Personen reagieren in emotional hochbelastenden Situationen nicht ausschließlich rational, sondern neurobiologisch geprägt durch Stress, Angst, Scham oder traumatische Erfahrungen. Dies kann sich beispielsweise in Übererregung, Erstarrung, Dissoziation, dem Abbruch von Sprache oder starken affektiven Reaktionen äußern. Gerade in den RJ-Kreisdialogen, in denen existenzielle Fragen von Schuld, Leid, Verantwortung und menschlicher Verletzbarkeit verhandelt werden, ist diese Dynamik von hoher Bedeutung. RJ-Moderation benötigt deshalb traumasensible Kompetenzen und ein hohes Maß an Wahrnehmungsfähigkeit. Dazu gehört unter anderem die Fähigkeit zur Temporegulierung, das bewusste Einsetzen von Pausen, stabilisierende Methoden wie Grounding sowie die sensible Wahrnehmung von Überforderung oder emotionaler Eskalation. Ebenso wichtig ist eine verantwortungsvolle Nachsorge (Ansprechbarkeit, Treffen), da belastende Themen und Begegnungen auch nach dem eigentlichen Dialogprozess weiterwirken können.
Psychologische Sicherheit entsteht nicht zufällig, sondern durch einen strukturierten, achtsamen und professionell begleiteten Rahmen. Besonders bedeutsam ist in diesem Zusammenhang die Idee der multiperspektivischen Sicherheit. Psychologische Sicherheit muss für alle Beteiligten gleichzeitig mitgedacht werden. Ein Setting, das von einer Teilnehmenden als sicher erlebt wird, kann auf eine andere Teilnehmende bedrohlich oder beschämend wirken. Deshalb braucht es kontinuierliche Reflexion innerhalb des RJ-Prozesses. Es muss aufmerksam beobachtet werden, wer viel spricht und wer sich zurückzieht, wo Machtasymmetrien entstehen, wer sich moralisch entwertet fühlt oder wer möglicherweise übermäßig Verantwortung übernimmt. Ebenso relevant ist die Frage, welche Teilnehmende versuchen, sich über Kontrolle, Rationalisierung oder Distanzierung zu schützen. Dann entsteht dieses magische "Dritte" vor dem ich soviel Achtung habe und einen tiefen Sinn in dieser Arbeit erlebe.









Kommentare