Überbelegung in Gefängnissen und Alternativen zum klassischen Strafvollzug
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Mir wurde von einer Kollegin, Nicole Lieger aus Wien Menschenfreundliche Krimis: Restorative Justice und ihre Folgen ein Artikel von Arno Pilgram zugesendet. Wir hatten uns 2023 auf einer Veranstaltung in Wien kennengelernt. Ich war dort eingeladen für ein Filmgespräch zu "All eure Gesichter" und habe die Restorative Justice Kreisdialoge und mein Konzept vorgestellt. Der Artikel hat mich bewegt ein paar Zeilen niederzuschreiben.
Der Kriminologe Arno Pilgram argumentiert in seinem Text „An Gefängnissen sparen“, dass moderne Strafpolitik nicht primär auf den Ausbau von Haftkapazitäten setzen sollte. Stattdessen sollte der Einsatz von Freiheitsstrafen kritisch überprüft werden, da Gefängnisse hohe Kosten verursachen und nur begrenzt zur Resozialisierung beitragen. Pilgram betont, dass Haft häufig soziale Probleme verschärft, da Inhaftierung bestehende soziale Bindungen unterbricht und die Wiedereingliederung in die Gesellschaft erschwert.
Diese Überlegungen sind aus meiner Sicht ebenso für Deutschland relevant. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes und der Landesjustizverwaltungen liegt die Belegung vieler Justizvollzugsanstalten nahe an der Kapazitätsgrenze. In einzelnen Bundesländern kommt es regelmäßig zu sehr hohen Auslastungen. Überbelegung erschwert die Betreuung der Gefangenen, erhöht Konfliktpotential innerhalb der Anstalten und reduziert die Möglichkeiten für Resozialisierungsmaßnahmen.
Eine mögliche Alternative zum Ausbau klassischer Großgefängnisse könnte u.a. -aus meiner Sicht- die Einrichtung kleinerer, gemeindenaher Hafthäuser sein. Solche Einrichtungen ermöglichen eine individuellere Betreuung der Gefangenen und erleichtern Kontakte zu Familie, Arbeit und sozialen Unterstützungsstrukturen. Forschung aus der Kriminologie zeigt, dass kleinere Einheiten häufig ein stabileres soziales Klima aufweisen und Gewalt innerhalb der Einrichtungen reduzieren können. Darüber hinaus gewinnen restorative Ansätze im Strafrecht an Bedeutung. Restorative Justice konzentriert sich darauf, den durch eine Straftat entstandenen Schaden zu bearbeiten, indem Täter, Opfer und Gemeinschaft in einen Dialog einbezogen werden. Mein RJ- Programm "BoAS" (Betroffenenorientiertes Arbeiten im Strafvollzug) oder auch "Building on Accountability and Support" (kleines Wortspiel) versuchen, Verantwortungsübernahme, Wiedergutmachung und soziale Unterstützung miteinander zu verbinden. Ziel ist es, langfristige Reintegration für alle Beteiligten zu fördern und Rückfälle zu verhindern.
Neben solchen Programmen können auch Maßnahmen wie der offene Vollzug, gemeinnützige Arbeit oder alternative Sanktionen dazu beitragen, Gefängnisse zu entlasten. Besonders bei kurzen Freiheitsstrafen oder Ersatzfreiheitsstrafen wird in der kriminologischen Forschung häufig argumentiert, dass alternative Maßnahmen effektiver und sozial weniger schädlich sein können.
Vor diesem Hintergrund erscheint die Idee, Haftplätze im Ausland zu kaufen, als kurzfristige und problematische Lösung. Eine solche Strategie würde die strukturellen Probleme des Strafvollzugs nicht lösen, sondern lediglich verlagern. Nachhaltiger wäre eine Reform des Strafsystems, die Freiheitsstrafen reduziert, alternative Sanktionen stärkt und restorative Praktiken ausbaut.
Pilgram, Arno (2005): An Gefängnissen sparen. Kriminologische Überlegungen zur Reduktion von Freiheitsstrafen.
Statistisches Bundesamt (Destatis): Strafvollzug: Gefangene und Verwahrte.
Dünkel, Frieder / Morgenstern, Christine/ Zolondek, Julia (2017): Kriminalpolitik und Strafvollzug im europäischen Vergleich.
Bundesministerium der Justiz: Daten und Entwicklungen zum Strafvollzug in Deutschland.









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