FACHTAGUNG AM 16.06.2026 TRAUMAINFORMIERTE PRAXIS IMINTERDISZIPLINÄREN KONTEXT:KINDER- UND JUGENDHILFE, JUSTIZ UNDTHERAPIE
- 11. Juni
- 3 Min. Lesezeit
Restorative Justice im Strafvollzug – Trauma verstehen, Verantwortung ermöglichen
In meiner Arbeit und auch hier im Blog habe ich immer wieder über zwei zentrale Aspekte gesprochen: die innere Haltung gegenüber Betroffenen sowie die oft unterschätzte Belastung – sowohl bei Menschen mit Gewalterfahrungen als auch bei Inhaftierten. Beide Perspektiven sind essenziell, wenn wir über Strafvollzug sprechen. Und beide bilden die Grundlage für das, worüber ich im Rahmen meiner Fachtagung zu Trauma und Strafvollzug sprechen werde: Restorative Justice als traumasensibler Ansatz.
Trauma ist kein Randthema – es ist zentral
Ein Großteil der Inhaftierten hat eigene Gewalt- und Vernachlässigungserfahrungen. Trauma ist im Strafvollzug nicht die Ausnahme, sondern strukturelle Realität. Gleichzeitig tragen auch viele Betroffene von Straftaten langfristige psychische und körperliche Folgen. Was in klassischen strafrechtlichen Verfahren oft fehlt, ist ein Raum, in dem diese Erfahrungen gesehen, verstanden und eingeordnet werden.
Wenn wir – wie ich es in meinen vorherigen Beiträgen beschrieben habe – Haltung nicht nur als professionelle Distanz, sondern als bewusste, reflektierte Position verstehen, dann bedeutet das auch:Wir müssen anerkennen, dass Verhalten häufig Ausdruck unverarbeiteter Erfahrungen ist. Das gilt für Betroffene genauso wie für Täter:innen.
Zwischen Verantwortung und Verstehen
Ein traumasensibler Blick darf niemals mit Relativierung verwechselt werden. Verantwortung bleibt zentral. Doch Verantwortung entsteht nicht durch Beschämung oder reine Sanktion, sondern durch Verstehen, Einordnung und die Möglichkeit zur aktiven Auseinandersetzung.
Hier setzt Restorative Justice an. Der Ansatz verschiebt den Fokus:
weg von reiner Bestrafung
hin zu Beziehung, Dialog und Wiedergutmachung
Das bedeutet nicht, dass Schuld aufgehoben wird – sondern dass sie bearbeitbar wird.
Belastung sichtbar machen – auf beiden Seiten
In meinen bisherigen Blogbeiträgen habe ich beschrieben, wie tiefgreifend Belastung wirken kann:
bei Betroffenen als anhaltende Unsicherheit, Kontrollverlust und Fragmentierung von Erfahrungen
bei Inhaftierten als oft unerkannte Folge früher Traumatisierungen, die sich in Gewalt, Rückzug oder Dysregulation zeigen
Ein System, das diese Belastungen ignoriert, produziert häufig neue Verletzungen – auf beiden Seiten.
Restorative Justice eröffnet hier einen anderen Zugang:Es schafft – wenn gut vorbereitet und begleitet – Räume, in denen
Betroffene ihre Perspektive ausdrücken können
Inhaftierte Verantwortung übernehmen und die Auswirkungen ihres Handelns verstehen
beide Seiten wieder ein Stück Handlungsmacht zurückgewinnen
Mein Konzept: traumasensibel, strukturiert, verantwortungsorientiert
In meinem Konzept verbinde ich drei zentrale Elemente:
Traumasensibilität als GrundhaltungJede Begegnung ist geprägt von dem Wissen um mögliche Vorbelastungen. Sicherheit, Freiwilligkeit und Stabilisierung stehen an erster Stelle.
Klare VerantwortungsarbeitTäter:innen werden nicht entlastet, sondern unterstützt, Verantwortung wirklich zu übernehmen – jenseits von Floskeln oder Anpassung.
Strukturierte DialogräumeBegegnungen erfolgen nicht spontan, sondern vorbereitet, moderiert und eingebettet in einen professionellen Rahmen.
Das Ziel ist nicht Versöhnung um jeden Preis.Das Ziel ist Verstehen, Anerkennung von Schaden und – wo möglich – ein Schritt in Richtung Wiederherstellung.
Warum das jetzt wichtig ist
Strafvollzug steht immer wieder in der Spannung zwischen Sicherheit, Sanktion und Resozialisierung. Wenn wir Trauma dabei ausblenden, bleiben viele Maßnahmen oberflächlich.
Ein traumasensibler restorative Ansatz ist kein „weiches“ Add-on, sondern eine notwendige Weiterentwicklung:
für nachhaltige Resozialisierung
für echten Opferschutz
und für ein System, das nicht nur reagiert, sondern auch versteht
Ausblick auf die Fachtagung
In der Fachtagung werde ich diese Perspektiven vertiefen und praxisnah darstellen:
Wie erkennen wir Trauma im Vollzugskontext?
Welche Haltung braucht es im professionellen Handeln?
Wie kann Restorative Justice konkret implementiert werden?
Und wo liegen Grenzen dieses Ansatzes?
Ich verstehe diese Arbeit als Einladung:hinzusehen, differenziert zu denken und neue Wege zuzulassen – ohne dabei die Komplexität aus dem Blick zu verlieren.
Denn genau dort, wo Belastung am größten ist, liegt oft auch das größte Potenzial für Veränderung.







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